Tuesday, 5 June 2012

Lustiges im Alltag #1

Ich trainiere regelmäßig im Fitnessstudio. So auch heute morgen. Nachdem ich mich in der Umkleide umgezogen hatte, ging ich in den angrenzenden Waschraum, um die Wasserflasche aufzufüllen. Meine Nase war etwas verstopft, also betrat ich eine der beiden WC-Kabinen, um mir ein Stück Klopapier zum Naseputzen abzureißen. Der Waschraum ist nicht besonders groß. Ich stand mittendrin und bließ mir den Rotz aus der Nase, als ein Typ um die Ecke bog.

Das ist kein schickes Fitnessstudio. Zu bestimmten Zeiten befindet sich der Freihantelbereich fest in der Hand von schrankartigen, tätowierten Typen, die böse aussehen. Dem Um-die-Ecke-Bieger, der mich beim Naseputzen erwischt hatte, klebten Oberarme, so dick meine meine Beine an den Seiten. Er trug sogar ein Tattoo im Gesicht. Sein linkes Auge wurde von einem Symol umrahmt, das gleichzeitig aussah wie ein Kreis und ein Pfeil. Wenn vielleicht nicht böse, so sah er doch gefährlich aus. Ich bließ fertig, grinste und machte ihm Platz. Er murmelte etwas, verschwand einer Kabine und schloss die Tür hinter sich. Das wäre nicht das erste Mal, das sich jemand von meinem Grinsen auf den Fuß getreten fühlt. Weil ich ihn nicht verstanden hatte, fragte ich nach und dachte: Der will sich bestimmt jetzt hier im Klo prügeln, so wie der aussieht mit seinem Gesichtstatoo.

"Ich muss mich hier umziehen. Da drinnen ist sonne kalte Luft, da erkälte ich mich sofort."

Seine Stimme klar zart und nett. Überhaupt nicht wie die eine bulligen Typen mit Tattoo ums Auge. Ich lachte, freute mich und begann zu trainieren. Auch wenn nach sieben Jahren längst klar ist, dass aus mir nie ein Muskelpaket werden wird.

Monday, 4 June 2012

Torschluss am Schauspiel - Pauken und Trompeten

(Thomas Loibl und Kathrin Wehlisch)

Das Schauspiel Köln hat gestern seine Tore geschlossen, um Sanierungsarbeiten zu weichen. Ein letztes Mal wurde die Elfriede-Jelinek-Trilogie aufgeführt.

Mit drei gleich Stücken der Nobelpreisträgerin eröffnete Karin Beier vor knapp zwei Jahren die Spielzeit 2010/11. Das Werk / Im Bus / Ein Sturz enthielt alle Zutaten des soliden Spektakels: Neben zehn hochkarätigen Schauspielern (u.a. Manfred Zapatka, Lina Beckmann und Thomas Loibl) sorgte ein modernes Musiker-Trio für die Umsetzung der trittfesten Kompositionen von Jörg Gollasch. Eine Gesangssolistin, ein Solotänzer und zehn Gruppentänzer vervollständigten das Bild, auf dessen Höhepunkt sich noch der 50-köpfige Männerchor der 'Zauberflöten' buchstäblich aufzutürmen pflegte. Es gab Pressluftgehämmer, wildes Geschrei, Farbgeschmiere, Originaltonbänder und ein vollständiges Unterwassersetzen der Bühne. Einzig den Bulldozer hatte man im Probenverlauf wegrationalisiert. Und auch wenn inhaltlich wenig Neues passiert (wo tut es das schon?) - Jelineks Thema Mensch-versus-Natur (und tiefer: Zynismus gegen Hoffnung) eignet sich bestens für Gemälde im theatralen Cinemascope.

Natürlich machen viele schwere Zutaten noch keine gute Mahlzeit. Bei Karin Beier allerdings kann man sich zu Recht darauf verlassen, zwar vielleicht nicht gesund - so doch reichlich und erlesen ernährt worden zu sein, wenn man das Theater nach über drei Stunden Richtung Mitternacht verlässt. Nicht verwunderlich also, dass die erste Spielzeit bis zur letzten Vorstellung ausverkauft blieb. Dazu eröffnete die Trilogie mit dem Berliner Theatertreffen und dem Theater Festival Hamburg gleich zwei der großen Dinosaurier im deutschsprachigen Bühnenraum.
In der zweiten Spielzeit wurde es ruhiger. Nicht zuletzt aber weil der dritte Teil "Ein Sturz" brandaktuell vom Unglück des historischen Kölner Stadtarchivs erzählt, durfte sich das Stück zum Zapfenstreich noch einmal feiern lassen.

Karin Beier betrat zu Beginn des Abends die Bühne, um das Publikum kurz und knapp über den Ablauf eines solchen Ereignisses zu informieren. Denn bei aller ins Jetzt gewandten Bühnenkunst zeigte sie eine Hinwendung zur Tradition: Als wäre es ein alter Brauch, wurde der reiche Schlussapplaus von Kathrin Wehlisch mit großer Geste zum Schweigen gebracht. Frau Wehlisch hob ein schlichtes, leeres Marmeladenglas in die Höhe, Pauken ertönten von allen Seiten und unter großem Zeremoniell wurde der Geist des Theaters ins Glas gebannt. Auf der einen Seite der Bühne 850 Zuschauer, auf der anderen 80 Akteure, teils noch völlig durchnässt und allesamt knöcheltief im Wasser. Von den Pauken angeführt, mit Kerzen in den Händen zogen Schauspieler und Bedienstete mitsamt des Publikums einmal um das Gebäude. Auf dem Vorplatz wurde zuletzt unter Fanfarenstößen die Flagge gestrichen. Laut und klar riefen vier schwarz Gekleidete: "Schauspiel Köln!", bevor sie die ordnungsgemäß dreieckig gefaltete Flagge vom Dach in Frau Beiers Hände warfen. Wer wie diese Dame das Spektakel versteht, der muss zuerst begreifen, dass Kraft und Einfachheit zwei Seiten der gleichen Medaille sind.

Als einer der Tänzer war ich übrigens mit dabei. Nähkästchen gibt's hier aber nicht...

Wednesday, 30 May 2012

Seltsam pünktlich

Manchmal wird es seltsam still in mir. Ich will in der Mitte des Bettes sitzen und schweigen. Stattdessen klingelt das Telefon, das sonst - wenn ich es mir wünsche - niemals klingelt.

Während ich telefoniere, werfe ich die Angel aus. Weit draußen, weit jenseits der Grenzen meines oberschenkelhohen Bettes schwimmen gelegentlich Traumfische vorbei. Die versuche ich zu fangen. Am besten geht das, wenn man auf der Mondsichel sitzt, aber nachmittags kann man das auch vom Bett aus erledigen. Ich widme meinem Gesprächspartner nur halbe Aufmerksamkeit: Telefonieren konnte ich noch nie besonders gut.

Im Hof gibt es ein Gezeter. Was ist da los? Kann man nichtmal in Ruhe fischen und telefonieren!
Ich sage Tschüss bis später und gehe raus.

Ein Vogelküken sitzt im Gang neben der Treppe. Während Papa-Vogel oder Mama-Vogel im Hof sorgenvoll keckern, tut das Küken genau das, worauf ich auch Lust habe: Es hält die Klappe. Ich freue mich, einen Vogel im Flur zu treffen (ist mein Geburtstag).

Er ist sehr klein struppig graubraun. Sein Schnabel wirkt riesig - so ist das bei Jungvögeln: sie sehen immer missmutig aus - aber das täuscht. Ich hocke mich langsam hin. Jetzt bloß nicht rumzappeln und ihm noch mehr Angst machen. Mit beiden Händen hebe ich ihn auf. Er wiegt überhaupt nichts. Ein Federball, der nichts wiegt und missmutig guckt. Sobald wir im Hof sind, fliegt er ungelenk weg. Vielleicht hatte er gerade Fahrschule - erste Flugstunden Ende Mai. In solchen Dingen ist die Natur meistens pünktlich.

Sunday, 13 May 2012

Wahlen / Gutes Tun

Heute war Wahl in NRW. Wie auch vor zwei Jahren habe ich mich wieder als Wahlhelfer gemeldet und den Sonntag zum großen Teil im Wahllokal verbracht. Diesen Job kann ich für alle empfehlen, die Demokratie live erleben möchten. Ich war mit fünf anderen zuständig für den Wahlbezirk, in dem ich selbst wohne. Der Bezirk umfasst nur drei Straßen plus ein Verbindungstück der Venloer Straße: Und ich wohne genau mittendrin. Also treffe ich den ganzen Tag meine Nachbarn, deren Namen ich in aller Regel nicht kenne. Trotzdem finde ich das gut. Es überrascht, wie wenige mich wiedererkennen, auch wenn man sich gelegentlich auf der Straße über den Weg läuft.

Dieses Mal waren wir eine lustige Truppe. Wenn eine Seite im Wählerverzeichnis voll war, jubelten wir und riefen: "Wahlbingo!" Das kam allerdings selten vor. Den ganzen Tag tröpfelten die Wähler einzeln ins Lokal. Oft kam auch länger keiner. Die Leute vom Nachbar-Wahlbezirk, die uns gegenüber saßen, hatten das Gefühl, zu uns kämen viel mehr Leute, aber wir waren gegenteiliger Meinung.

Wahlhelfer-Sein fühlt sich gut an. Das kenne ich aus meiner Erfahrung als Freiwilliger der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste: Freiwillig ausgeübte, ehrenamtliche Arbeit macht ungefähr, sagen wir mal 100mal so viel Freude, wie Arbeit, deren Hauptmotivation im Geldverdienen begründet liegt. Ich habe mir vorgenommen, wieder mehr über den Tellerrand zu schauen. Gleich nebenan ist das Allerweltshaus, in dem könnte ich Kindern bei den Hausaufgaben helfen. Oder, das haben wir während der Wahl recherchiert (es war ja so wenig los): Vorlesen für Jungen. Offenbar sorgt unsere Kultur in puncto Lesen für eine Benachteiligung der Jungen. Und hinterher wundern sich alle über die doofen Machos.

 Ach, man könnte so viel Gutes tun...

Tuesday, 8 May 2012

Maxim - Meine Worte

Im Moment läuft auf ZDF.kultur die Talkshow Roche und Böhmermann, die richtet sich glaub ich an Leute wie mich, an Leute die sonst keine Talkshows gucken. Sie scheint sich gerade zum Geheimtipp zu entwickeln: Also wer mitreden will: Gucken!

Die Show wird in der Wachsfabrik Köln gedreht. Dort habe ich im März parallel geprobt. Quasi im Nebenzimmer, umgeben von 25jährigen Fernsehleuten. Wahrscheinlich hat das dafür gesorgt, dass ich am Verlauf dieses Projekts interssiert bin. Außerdem mag ich die beiden Bücher Feuchtgebiete und Schoßgebete von Charlotte Roche. 'Mögen' ist vielleicht nicht das richtige Wort. Ich finde sie entwaffnend und kraftvoll.

Wohin mit diesen Worten über Talkshows? Zu den Geheimtipps in der deutschen Talkshow-Landschaft gehört Inas Nacht. Auch als Nicht-Gucker kann ich sie empfehlen. Beim letzten Heimatbesuch zappte ich zufällig hinein und sah mich Maxim gegenüber, einem Kölner Musiker, der sich mit Reggae einen Namen machte und seit einiger Zeit auf Pop umgeschwenkt zu sein scheint. Sein Lied "Meine Worte" schafft, was nur wenige Lieder schaffen (ähnlich wie Philipp Poisel): Es lässt deutsche Sprache zu Musik werden. Ich habe statt der Talkshowaufnahme das offizielle Video gewählt. Es hat besseren Sound.

Sunday, 29 April 2012

Weightless

A very nice video by the Swedish artist Erika Janunger. Beauty can be beautiful, can't it?

Thursday, 26 April 2012

Acht Grad

-->
Im 'Weltempfänger'

Meinen tausendsten Eiskaffee trank ich zu Banjomusik. Draußen lag die Temperatur bei acht Grad; ebenso tief also, wie die Wolkendecke am Himmel. Aus den unsichtbaren Lautsprechern im Café sang eine französische Sängerin französisch.

Mein Eiskaffee enthielt nur ein Bällchen Vanilleeis. Ich war etwas enttäuscht, aber nicht sehr. Immerhin hatte ich vorher schon 999 Eiskaffees getrunken. In den allermeisten waren zwei Eisbällchen gewesen. Ich lauschte der Stimme und bemerkte, dass sie gar nicht französisch sang, sondern englisch. Sie klang bloß französisch: Verraucht, gleichzeitig melancholisch und sexy. Ihr Banjo hatten die auch weg gepackt. War das überhaupt noch die gleiche Band?

Ein alter keltischer Text besagt, dass man dem Sommer auf die Sprünge helfen kann, indem man Eiskaffee trinkt. Ich sah zu, wie der freundliche Barmann einer Kundin die Tür aufhielt. Ihre Hände waren voll Kaffee zum Mitnehmen. Seine Haare brannten, aber er wollte das so.

Weiter heißt es in dem keltischen Text, dass ein Eiskaffee, der zur Sommerwetterermunterung getrunkten wird, im Idealfall eine lange Maccaroni als Strohhalm enthält. Schon bei den Kelten galt Plastik als verpönt. Ebenfalls lernen wir hieraus, dass schon sehr früh ein reger Warenaustausch zwischen Italien und dem restlichen Europa bestanden hat.

Dem Barmann war es zu bunt geworden. Ich war ganz allein im Gastraum. "Er sucht bestimmt einen Feuerlöscher für seine Haare", dachte ich und erwog, mit einem Hechtsprung hinter die Theke zu springen, um schnell nach weiteren Eisbällchen zu suchen. Stattdessen drehte ich meinen Kopf um 90 Grad nach rechts. Rock'n Roll, von einer Männerstimme gesungen. Definitiv eine andere Band. Draußen schien endlich die Sonne.

Tuesday, 17 April 2012

Time Off

Zurück in Ehrenfeld, wo die Leute auf der Straße musizieren

In den vergangenen Wochen ist so viel passiert, dass nicht nur dieser Blog sich in einer Ohnmacht befand. Ihr solltet mal mein Zimmer sehen!
Seit fast sieben Wochen lebe ich wieder in diesem Viertel. In dieser Zeit gab es:

- Proben für eine Tanzinstalltion von Ilona Pászthy, mit Premiere am 30. März im Rautenstrauch-Joest-Museum
- Tanzauftritte während der Nachtstillen in der Lutherkirche
- die drittletzte Aufführung von Das Werk / Im Bus / Ein Sturz von Elfriede Jelinek im Schauspielhaus
- Proben und ein Auftritt mit Wort und Tonschlag (ein weiterer am Freitag im Cáffezinho in Kevelaer)
- erste Schritte auf dem Weg zu einer neuen Theater-Produktion mit Oliver Möller
- ein 5-tägiger Workshop mit dem Titel "Der Menschen zwischen Autismus und Down-Syndrom" für den DRK
- Unterrichtsvertretungen in modernem Tanz

Nebenbei bin ich froh, wieder in einem Haus mit Klavier zu leben. Bald soll ein neues kommen. Eines, dass nicht ganz so schief klingt. Auch durfte ich mich zum ersten Mal an einem kleinen MS-20 Korg-Synthesizer ausprobieren: Der kanadische Musiker Khôra wohnt gerade bei uns und bringt eine Menge Klang mit...

Sunday, 18 March 2012

L'esprit du Temps - Parle

Neulich gab es hier schon einen Song von Paul Fassbinder in Zusammenarbeit mit Herrn Norcht. Er spielt auch in einer Formation mit dem Namen L'esprit du Temps.

Paul ich ich, wir kennen uns vom Studium. Ich war im ersten Semester und ging auf eine Party. Ein Haus in der Nähe der Schule sollte abgerissen werden. Am Abend vor der Abrissbirne ließ ein Gruppe von Tänzern die Korken knallen.
Paul stand, natürlich, an der Bar im Keller: Ein Klapptisch mit Bierkiste drauf. Ich kannte keinen, die waren alle älter und viel cooler als ich. Irgendwer rief: "Ey Paul, sing ma' wat!"

Paul holte tief Luft und sang. Verdi vielleicht, keine Ahnung. Eine Arie, glaube ich. Ich war begeistert. Sowas hatte ich noch nie gehört. Das war wie die Musik, die man in sich trägt und manchmal, ganz selten, hört man sie draußen in der Welt und weiß plötzlich, dass sie da ist, seit Jahren schon.

Die Schnösel hinter der "Theke" ließen sich hinterher nicht dazu überreden, ihm für sein Lied ein Bier zu schenken. Überhaupt war die Party ein Reinfall. Wie das eben so ist, wenn man als Erstsemester irgendwo hingeht, wo alle viel cooler sind.

Paul und ich, wir ließen in den folgenden Jahren keine Gelegenheit aus, uns einen freien Flügel in der Schule zu schnappen und Krach zu machen. Irgendwann waren wir auf den Parties selbst die Coolen. Das glaubten jedenfalls die Erstsemester.

Hier also für euch: L'esprit du Temps!
 
L'esprit du Temps - Parle


Thursday, 23 February 2012

Sein Ende bedeutet März

Der Februar ist mal wieder vorbeigeschlüpft. Es ging so schnell: Man hat's kaum bemerkt. Dabei liegt der Februar des vergangenen Jahres noch so nah, dass er noch immer unter meiner Haut sitzt wie Schminkreste von Karneval. Genau: Die kalte Luft der letzten Wintertage im letzten Jahr, als ich mich ausnahmsweise rasiert hatte und dachte: Scheißkalt an den Backen!

Der Februar ist auf dem absteigenden Ast. Man trauert ihm kaum nach, diesem Monat. Sein Ende bedeutet März. Und März bedeutet, dass es plötzlich 15 Grad werden könnten, dass die ersten Knospen sich schon sehr bald öffnen, dass man mit ein bisschen Glück einmal wöchentlich draußen Kaffee trinken kann auf einem Quadratmeter Stadtboden mit Sonnenlicht.

Überhaupt fliegen uns die Jahre immer schneller um die Ohren, oder nicht? Das Leben hat sich eingegroovt. Wir sind zwar noch nicht alt, aber längst nicht mehr jung. Längst schlagen wir uns mit Steuererklärungen herum, suchen aus Gewohnheit größere, schönere Wohnungen, haben uns genauso an Carsharing gewöhnt wie daran, dass unsere Freunde Eltern geworden sind. Wir haben uns damit abgefunden, dass wir die Versprechen für ein gesünderes Leben, die wir uns quartalsweise abringen, nur bedingt halten. Ganz langsam machen wir uns Sorgen um unsere Eltern. Wir spenden jetzt manchmal Geld für gute Zwecke und gehen schon lange nicht mehr nur zum Discounter.

Kollektiv haben wir gelernt, pieksige Themen zu umschiffen. Stattdessen suchen wir Gemeinsamkeiten, Dinge die wir teilen können und immer auch die Schnittstelle, auf der ein Lachen liegen könnte, dass wir zusammen laut in die geheizte Küchenluft blasen können, denn längst haben wir uns arrangiert mit dem Wissen, dass es da draußen nicht viel gibt außer das Teilen, die gemeinsamen Mahlzeiten, das Nicht-Allein-Sein, vielleicht ein bisschen Familie und die immer schneller den Hang herunterkullernden Jahre.

In umgekehrter Reihenfolge werden uns unsere Gesichter wieder fremd. Mit 13, 14 war da jeden Tag etwas Neues - meist Unschönes, an das wir uns zu gewöhnen hatten. Der Prozess endete irgendwann Anfang zwanzig und nur ein paar Jahre, nachdem wir uns arrangiert und gewöhnt hatten, kehrte sich der Spieß erneut um: Jetzt wächst unsere Erscheinung nicht mehr jugendlich unbeholfen in die Welt hinaus: Jetzt werden unsere Körper tatsächlich zu den Landschaften, die Michael Ondaantje im englischen Patienten beschreibt. Landschaften, auf denen sich die Spuren von Leben und Lebenswandel niederschlagen. Wir zählen Falten und Narben, innere und äußere und haben uns daran gewöhnt, dass dieses Spiel sich nicht ändern wird, dass nicht eines Tages ein Punkt eintritt, an dem alles gut sein wird, wie wir früher noch annahmen.

Vielleicht trauert man deswegen umso mehr der Jugend nach, je älter man wird: Weil man immer mehr zu schätzen lernt, wie gut das Leben gewesen ist in einer Zeit, in der man noch dem zwar natürlichen, aber auch irrigen Glauben anhing, es gäbe so etwas wie ein "Erwachsen".

Monday, 6 February 2012

Kassenschwank

An Supermarktkassen werden viele Deutsche ungeduldig. Neulich stand ich bei Aldi in der Schlange hinter einer Frau, die gerade ihre drei Sachen auf das Kassenband legte, als ihr einfiel, dass sie etwas vergessen hatte. Sie spurtete davon. Anstatt in die Lücke aufzuschließen, blieb ich stehen, um ihr Freiraum zur Rückkehr zu lassen. Gleich zwei Damen hinter mir begannen buchstäblich zu hupen.

Ähnliches geschieht häufig: Ich warte in der Kassenschlange und werde bedrängt. Die Person hinter mir stößt mich entweder mit dem Einkaufswagen in den Rücken oder - wenn sie keinen hat - kommt mir so nah, dass wir uns berühren. Gerade bei Männern, die mir gerne noch von hinten in die Ohren schnaufen, würde ich mich manchmal am liebsten umdrehen und mit zuckersüßer Stimm ihre Homophobie kitzeln, indem ich etwas sage, wie: "Hey Süßer, willste nicht noch ein bisschen näher kommen?"

Das ist noch nicht geschehen, wird es aber sicher eines Tages.
Meine derzeitige Vermeidungsstrategie funktioniert folgendermaßen: Ich warte, bis das Band die Waren der Person vor mir ein gutes Stück Richtung Kasse getragen hat, bevor ich meine auflege. So verschaffe ich mir Raum, der in der Regel ausreicht, um unerwünschte körperliche Enge zu vermeiden.

Ein paar Tage später, wieder bei Aldi: Ein Mann schloss eng auf und schnaufte mich von hinten an. Ich wartete, bis auf dem Band ein gutes Stück Freiraum entstanden war, bevor ich meine fünf Teile ablegte. Der Typ wurde ungeduldig und beugte sich vor, um zwei Pakete Küchenrolle fast gleichzeitig mit meinen Sachen loszuwerden. Ich legte den Warentrenner demonstraiv langsam in den kleinen, frei gebliebenen Spalt und sah ihn an. Er nahm einen weiteren Warentrenner, warf ihn in die große Lücke weiter vorn und fragte: "Wozu lassen Sie denn da zwei Meter Platz?"
"Sie rücken mir auf die Pelle. Ich mag es nicht, wenn man mir zu nah kommt", antwortete ich. Die Frau vor mir sah mich lächelnd an. Offenbar kannte sie das Problem. 
Der Mann war beleidigt, murmelte, er sei mir nicht zu nah gekommen, und natürlich, Jedem das Seine: Ich hatte einen komischen Kauz erwischt. Als nächstes drängte er an mir vorbei in den Vorraum, wo er begann, herumliegende Kassenzettel vom Boden aufzuheben. Während ich bezahlte, klaubte er noch einen zwischen meinen Füßen her. Fluchtartig verließ er mit seinen zwei frisch gekaufen Paketen Küchenrolle den Supermarkt. Ich ließ mir mehr Zeit. Auch wenn er ein komischer Kauz gewesen war, war ich froh endlich mal den Mund aufgemacht zu haben.