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Tuesday, 11 October 2011

Meisenmeinung

Ich bin am Niederrhein. Das ist eine Herbstgegend. So richtig blüht sie erst auf, wenn der Himmel so weit nach unten reicht, dass du meinst, die graue Decke mit hochgestreckten Fingern anfassen zu können.

Nieselregen. Nirgendwo auf der Welt gibt es Nieselregen wie hier. Er ist weich und warm und er kriecht überall hin. In die Schuhe. In den Rücken. Sogar unter den Tisch des einzigen omafreien Cafés.

Die Blätter hängen schlaff und nass nach unten. Aber sie hängen. Jeder Tag, an dem es noch grün ist oder wenigstens gelb oder rot, ist ein guter Tag. Jeder Tag, an dem im Herbst noch ein paar Blätter hängen, bedeutet dass dieses wildmachende Sehnen im Februar etwas später einsetzen wird. Also bleibt hängen, Blätter. Die Blaumeisen, die vor dem Fenster auf und ab fliegen, sind mit mir einer Meinung.

Im Ofen ein Feuer. Auf dem Herd Kakao. Draußen Stille, Dämmerung und die absolute Gewissheit, dass nichts Unvorhergesehenes geschehen wird.

Wednesday, 3 November 2010

Das letzte Gelb


Bevor die längst gelb verfärbten Blätter zu Boden gehen, muss der Städter noch einmal in den Wald. Die Premiere in Köln ist gelaufen - zu lesen über Karin Beiers "Das Werk/Im Bus/Ein Sturz" geben die Zeitungen. Ich habe mich aufs Land verzogen und bin nach einer Nacht schnellem Schlaf in der Stille aufgebrochen in den nächsten größeren Wald.

Manchmal schon habe ich mich gefragt, ob ich mich verlaufe, weil ich das insgeheim so will. Erst wer sich verlaufen hat, dessen Augen öffnen sich richtig. Selbst wenn man nicht weit von zuhause den Weg verliert, befindet man sich auf einmal in der Ferne. Der Alltag löst sich beinahe vollständig auf, wenn man nicht mehr weiß, wo man ist.

Ich verlief mich. Fand den Parkplatz nicht wieder. Fand den Waldrand zwar, hatte aber keine Ahnung, auf welcher Seite ich rausgekommen war. Die Straße jedenfalls hatte ich noch nie gesehen. Autos rasten direkt an meinen Ellbogen vorbei, LKW's schwankten, der Himmel war sehr grau und ich war sehr allein. Die Häuser trugen "Betreten verboten"-Schilder. Ich hatte auch Hunger und Durst, bloß Joghurt zum Frühstück, Scheiße.

Auf der Straße entschied ich mich für eine Richtung. In der Ferne ein blaues Parkplatz-Schild. Meiner? Nein. Es gab eine Karte - ohne Standortmarkierung allerdings. Ich musste deduktiv vorgehen (zum Glück hatte ich gerade Guy Ritchies 'Sherlock Holmes' gesehen). Die Technik half: Ich konnte die Karte fotografieren und mich unterwegs der Richtung versichern.

Heute Nacht großer Wind: Jetzt sind es schon viel weniger Blätter.